Viktor Ullmann op. 49
DER KAISER VON ATLANTIS – ODER DIE TOD-VERWEIGERUNG  
Fassung der Jungen Oper Baden-Württemberg 

Viktor Ullmann
Der müde Soldat aus op. 37
Wie ist die Nacht aus op. 17
Immer inmitten aus op. 45
Tote wollen nicht verweilen op. 20 no. 1
Stille op. 47 no. 12
Betrunken op. 30 no. 2 (arr. für Orchester)
Nacht op. 47 no. 11 (arr. für Orchester)

 

 

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Nr. IA Prolog (Melodram)
LAUTSPRECHER: Hallo, hallo! Sie hören jetzt: Der Kaiser von Atlantis Art Oper in vier Bildern. Es treten auf: Kaiser Overall von Atlantis in eigener Person. Man hat ihn Jahren nicht gesehen. Er hat sich in seinem Riesenpalast einschließen lassen. Um besser regieren zu können. Der Trommler, eine nicht ganz wirkliche Erscheinung, wie eine Projektion. Der Lautsprecher, den die nicht sehen, nur hören können. Ein Soldat und ein Mädchen. Der Tod als kleiner Handwerker des Sterbens und Harlekin, der unter Tränen lachen kann, das ist das Leben. Das erste Bild spielt irgendwo; Tod und Harlekin existieren in der Sinnlosigkeit: Das Leben, das nicht mehr lachen und das Sterben, das nicht mehr weinen kann in einer Welt, die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes zu sterben.
Hallo, hallo! Wir beginnen!

Nr. I Präludium

Nr. II Lied des Harlekin
HARLEKIN:
Der Mond geht auf den Firsten
mit seinem Stelzenbein, 
die Knaben dürsten nach Liebe,
nach Wein. 
Die hat er mitgenommen, 
sie werden nicht mehr wiederkommen,
nicht mehr wiederkommen.
Was wollen wir nun trinken?
Blut wollen wir nun trinken.
Was wollen wir nun küssen?
Des Teufels Hintern.
Da wird die Welt so kunterbunt und dreht sich wie ein Ringelspiel.
Wir fahren auf dem Bock.
Der Mond ist weiß, das Blut ist heiß,
der Wein ist süß, die Liebe ist im Paradies.
Was bleibt uns armer Welt zu Teil?
Wir bieten uns auf dem Jahrmarkt feil.
Will uns niemand kaufen?
Will uns niemand kaufen?
Weil jeder sich selbst los sein will.
Wir müssen in alle vier Winde laufen. Ah!

TOD: Laß sein. Was singst du da?
HARLEKIN: Ich singe so.
TOD: Was haben wir heut’ für einen Tag?
HARLEKIN: Ich wechsle die Tage nicht mehr täglich, seit ich’s mit dem Hemd nicht tun kann, und nehme nur einen neuen, wenn ich frische Wäsche anziehe.
TOD: Dann mußt du ja tief im vorigen Jahr stecken.
HARLEKIN: Vielleicht Dienstag? Mittwoch? Freitag? Einer wie der andre!

Nr. III Duett
TOD: Tage, Tage, wer kauft Tage?
TOD UND HARLEKIN: Tage, Tage, wer kauft Tage? Schöne, neue, unbekannte, einer wie der andre, einer wie der andre. Vielleicht steckt in einem das Glück, das Glück. Dann wirst du König. Wer kauft Tage? Wer kauft Tage? Alte, billige Tage!
HARLEKIN: Ich fühle mich wenig wohl in meiner Haut, seit ich mir selbst zum Hals raushänge! Du solltest mich umbringen, es ist doch schließlich dein Beruf, und ich langweil’ mich, das ist nicht zum Aushalten.
TOD: Laß mich in Frieden, du bist nicht umzubringen. Das Lachen, das sich selbst verhöhnt, ist unsterblich. Dir selber kannst du nicht entlaufen, bleibst trotz allem Harlekin.

Nr. IV Szene
HARLEKIN: Und was ist das? Eine Erinnerung, blasser als die vergilbten Photographien dieser Menschen, die nicht mehr lächeln können. Über mich lacht keiner… Wenn ich vergessen könnt, wie junger Wein schmeckt, wenn ich wieder vor der fremden Berührung der Frau erschauern könnte!
TOD: Es lächert mich, wenn ich dir zuhöre. Du bist kaum dreihundert Jahre alt, und ich mache dieses Theater mit, seit die Welt steht! Jetzt bin ich alt und kann nicht mehr mit. Du hättest mich sehen sollen!
Nr. V Arie des Todes
TOD: Das waren Kriege, wo man die prächtigsten Kleider trug, um mich zu ehren! Gold und Purpur, blitzende Harnische, man schmückte sich für mich, wie eine Braut für ihren Gatten. Bunte Standarten flatterten über den Streitrossen. Landsknechte würfelten auf der Kriegstrommel; und wenn sie tanzten, krachten den Weibern die Knochen und sie klebten vom Schweiß ihrer Tänzer. So oft bin ich mit den kleinen Pferden Attilas um die Wette gelaufen, mit den Elefanten Hannibals und den Tigern Dschehangirs, daß meine Beine zu schwach sind, um den motorisierten Kohorten folgen zu können. Was bleibt mir übrig, als hinter den neuen Todesengeln zu hinken, ein kleiner Handwerker des Sterbens.

Nr. VI Arie des Trommlers
TROMMLER: Hallo, hallo! Achtung! Achtung! Im Namen unseres großen Kaisers Overall! „Wir, zu Gottes Gnaden Overall der Einzige, Ruhm des Vaterlandes, Segen der Menschheit… Kaiser beider Indien, Kaiser von Atlantis, regierender Herzog von Ophir und wirklicher Truchsess der Astarte, Ban von Hungarn, Kardinalfürst von Ravenna, König von Jerusalem. Zur Verherrlichung unserer göttlichen Natur Erzpapst, haben in unsrer unfehlbaren, alles durchdringenden Weisheit beschlossen, über all unser Gebiet den großen, segensreichen Krieg aller gegen alle zu verhängen. Jedes Kind, ob Knäblein, ob Mägdelein, jede Jungfrau, Gattin, Mutter, jeder Mann, ob krumm oder grade, wird die Waffe führen in diesem heiligen Kampf, der mit dem Sieg unserer apostolischen Majestät und der Vernichtung des Bösen in unseren Landen enden wird. Mit diesem Augenblicke erklären wir den Feldzug für siegreich eröffnet. Unser alter Verbündeter, der Tod, wird uns sein glorreiches Banner vorantragen, im Namen unserer großen Zukunft und seiner großen Vergangenheit. Vertraut den anderen nicht. Das sind schlechte, böse Menschen! Gegeben im segensreichsten Jahre unserer segensreichen Regierung. 
Gezeichnet: Overall!“

TOD: Hörst du, wie sie mich höhnen?
Die Seelen nehmen kann nur ich!
Die Fahne vorantragen!
Meine große Vergangenheit!
Eure große Zukunft!
HARLEKIN: Ha ha ha ha ha ha ha ha! Ha ha!
TROMMLER: „Wir, zu Gottes Gnaden Overall der Einzige…“
TOD: Hi hi! Im Namen eurer großen Zukunft!
Harlekin: Was machst du da?
TOD: Ich mache die Zukunft der Menschen groß … und lang… lang!

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Nr. VII Intermezzo („Totentanz“)

Nr. VIII Rezitativ und Arie
OVERALL: Wie spät ist es?
LAUTSPRECHER: Fünf Uhr zweiunddreißig. Hallo, hallo! Kaiserliche Garde! Hauptmann der Scharwache. der Kordon um den Palast auftragsgemäß verdreifacht!
OVERALL: Scharf geladen?
LAUTSPRECHER: Scharf geladen.
OVERALL: Gut.
LAUTSPRECHER: Hallo, hallo! Bewaffnete Horden, Flugzeuge, Untererdtorpedos haben die Festungsgürtel der dritten Stadt geschleift. Die Einwohner sind tot. Die Leichen wurden der Verwertungsanstalt übergeben.
OVERALL: Wieviel?
LAUTSPRECHER: Zehntausend Kilo Phosphor.
OVERALL: Ja!
OVERALL: Scharf geladen?
LAUTSPRECHER: Scharf geladen!
OVERALL: Ja! Das Außenamt.
LAUTSPRECHER: Hallo, hallo, Außenamt.
OVERALL: Der Attentäter?
LAUTSPRECHER: Laut Auftrag gehenkt um vier Uhr dreizehn.
OVERALL: Also ist er tot?
LAUTSPRECHER: Der Tod muß jeden Augenblick eintreten.
OVERALL: Was? Muß? Wann wurde das Urteil vollstreckt?
LAUTSPRECHER: Vier Uhr dreizehn.
OVERALL: Jetzt ist fünf Uhr fünfunddreißig!
LAUTSPRECHER: Der Tod muß jeden Augenblick eintreten.
OVERALL: Seid ihr toll geworden? Henkt der Henker in zweiundachtzig Minuten nicht zu Tode?!
LAUTSPRECHER: Der Tod muß jeden Augenblick eintreten.
OVERALL: Bin ich wahnsinnig geworden? Ringt den Tod man aus der Hand mir? Wer wird in Zukunft mich noch fürchten? Weigert sich der Tod zu dienen? Hat sein altes Schwert zerbrochen? Wer wird dem Imperator von Atlantis noch gehorchen? – Hallo! Tod durch Erschießen!
LAUTSPRECHER: Befehl vollzogen.
OVERALL: Nun?!
LAUTSPRECHER: Der Tod muß jeden Augenblick eintreten.
OVERALL: Was ist das? Den Arzt!
LAUTSPRECHER: Hallo, Arzt!
OVERALL: Nun?
LAUTSPRECHER: Er lebt noch. Es ist unerklärlich. Die Menschen können nicht sterben.
OVERALL: Such’ den Erreger dieser Krankheit. Wie viele starben, seit die Seuche auftrat
LAUTSPRECHER: Keiner. Tausende ringen mit dem Leben, um sterben zu können.
OVERALL: Danke. Ich werde Verfügungen erlassen. Außenamt! Plakate an allen Ecken, Aufrufe im Rundfunk, Trommler in den Dörfern.

Nr. IX Arie Overalls
OVERALL: Wir Overall, der Einzige, schenken unsern verdienten Soldaten ein Geheimmittel zum ewigen Leben. Wer es besitzt, ist gefeit gegen den Tod und keine Wunde und keine Krankheit kann ihn fortan hemmen, das Schwert für seinen Herrn und das Vaterland zu führen. Tod, wo ist den Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?

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Nr. X Rezitativ und Terzett
SOLDAT: Wer da?
BUBIKOPF: Halt! Steh! Ein Mensch?
SOLDAT: Ein Mensch!
BUBIKOPF: Ein Feind!
TROMMLER: „… schenken unsern verdienten Soldaten ein Geheimmittel zu ewigem Leben…“
SOLDAT: Welch weiße Haut!
BUBIKOPF: Schieß und schwatz nicht!
TROMMLER: „… ist gefeit gegen den Tod…“
SOLDAT: Als ich jung war, bin ich mal mit einem Mädel den Fluß entlang gegangen, die hatte Augen, so hell wie du…
BUBIKOPF: Ich bin nicht alt genug, um mich erinnern zu können… Mach ein Ende!
TROMMLER: „… Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“
BUBIKOPF: Der Kaiser hat befohlen zu töten, so tut’s schon.
SOLDAT: Drücken nicht die schweren Waffen deine zarten Schultern wund!
BUBIKOPF: Du mußt uralt sein. Ich verstehe dich nicht.
SOLDAT: Ich will’s nicht, du sollst nicht leiden, schau, die Welt ist hell und bunt.

Nr. XI Arie
BUBIKOPF: Ist’s wahr, daß es Landschaften gibt,
die nicht von Granattrichtern öd sind?
Ist’s wahr, daß es Worte gibt,
die nicht schroff und spröd sind?
Ist’s wahr, daß es Wiesen gibt,
die voll von Buntheit und Duft sind?
Ist es wahr, daß es Berge gibt,
die blau von strahlender Luft sind?

Nr. XIa Duett
TROMMLER: Komm fort von hier, komm geh mit mir! Geh mit mir!
BUBIKOPF: Komm fort von hier, komm, geh mit mir! Fort von hier!
TROMMLER: Der Kaiser ruft dich, und die Pflicht!
BUBIKOPF: Uns lockt das ferne Sonnenlicht! Der Tod ist tot, zu Ende ist die Kriegesnot!
TROMMLER: Dich ruft der Kampf, dich ruft der Tod!

Nr. XIb Arie und Terzett
TROMMLER: Die Trommel, Trommel dröhnt und quarrt, ein Mann ist nur in die Trommel vernarrt. Ah!
Hat ein glattes Fell wie nur ein Weib,
ist rund um ihren ganzen Leib,
und voll und laut ist ihre Sprach’.
Ein Mann läuft nur der Trommel nach!
BUBIKOPF und SOLDAT: Nun ist sie erblüht, die den Tod verschönt, die Blume der Liebe, die alles, alles, alles versöhnt.

Nr. XII Duettino
BUBIKOPF UND SOLDAT: Schau, die Wolken sind vergangen,
die den Blick uns lang vergällt,
und die Landschaft, grau verhangen,
ist mit einem Mal erhellt.
Tiefe Schatten werden lichter,
wenn die Sonne golden scheint,
und es wird der Tod zum Dichter,
wenn er sich mit Liebe eint. 

Nr. XIII Tanz-Intermezzo „Die lebenden Toten“

Zwischenbild

Der müde Soldat
SOLDAT: Ein kahles Mädchen. Heckenblaß entlaubt.
Sie steht am Weg, ich gehe weit vorbei.
So stehen sie alle Reih’ an Reih’
und Haupt an Haupt.
Was weiss ich noch von glänzenden Gewässern,
was von des Dorfes Abendrot.
Ich bin gespickt mit tausend Messern
und müde… müde von dem vielen Tod.
Der Kinder Augen sind wie goldner Regen,
in ihren Händen glüht die Schale Wein.
Ich will mich unter Bäumen schlafen legen
und kein Soldat mehr sein.

Wie ist die Nacht
BUBIKOPF: Wie ist die Nacht so weich und warm,
wie sind die Seelen nah,
wie du so ruhst in meinem Arm,
bist du schon nicht mehr da,
ich sehe dich am Himmelsdom
von Stern zu Sternen ziehn,
ein bläulich schimmerndes Phantom,
willst du die Liebe fliehn,
hinwandeln mit geschlossnem Lid,
du Geisterkolonist,
bist du der dunklen Erde müd,
weil du so anders bist?
Du hast dich weit von mir gewandt.
Jetzt triffst du in den Mond…
Ich gehe nur in jenes Land,
wo deine Seele wohnt.
O wie der wundersame Glanz
gewaltiger erwacht!
Du Fremder, ach, du hast so ganz
die Hoffnung neu entfacht.
Nun hebst du dich zum hehrsten Raum,
wie bist du still und blass.
Es trennt mich noch ein schmaler Saum
vom seligsten Gelass.
Du fliehst, du fliegst, du bist so fern.
Ich sehe dich nicht mehr.
Ich habe dich für ewig gern,
ach viel, ach viel zu sehr.

Tote wollen nicht verweilen
HARLEKIN: Tote wollen nicht verweilen,
wie sie wallen, wie sie eilen,
werfen immer neue Hüllen
von der Seelen und erfüllen
so ihr Wesen
und genesen.
Wasser sind wir, tot der Tränen,
Luft, erlöst von allem Sehnen,
Sonne, selig in dem Lichte,
jenseits jeglichem Gewichte,
Erdenerbe es ersterbe.

Stille
TOD: Ruhe. Schweigen.
Schauen und Beachten.
Still in seligem Betrachten.
Vor dem Frieden übernachten.

Betrunken
LAUTSPRECHER: Junge, du bist betrunken
Ich sehs an deinem Schatten,
An diesem Taumelschatten,
Der sich so toll gebärdet,
Als käm er aus dem Tollhaus!
Ei, welch verrückter Schatten
Im allzu hellen Mondschein!
Das fuchtelt und das biegt sich
Und stolpert hin und reckt sich
Aufwärts und nach den Seiten, –
Ei, welch grotesker Schatten,
Welch indiskreter Mondschein!
Nie hab ichs glauben wollen,
Wenn scheltend mich die anderen
Beschwor, ich sei betrunken, –
Jetzt muß ichs wahrlich glauben:
Ich bin ein würdeloser,
Ein aller Anmut barer,
Ein ganz betrunkner Trinker
Mit einem Taumelschatten
Im indiskreten Mondschein!

Nacht
OVERALL: Komm, weicher Schlaf! Komm, süße Nacht!
Komm, süße Nacht! Entspannt das Land,
gedämpfte Pracht, gedämpfte Pracht.
Und einsam in den Grund gedacht,
in den Grund gedacht.

4. Bild
LAUTSPRECHER: Hallo, hallo, der oberste General. Spital 34 für lebende Tote wurde um drei Uhr von den Empörern gestürmt. Ärzte und Instruktoren gingen in Massen über. Die Aufrührer haben schwarze Fahnen und einen blutigen Pflug im Wappen. Sie kämpfen ohne Schlachtruf stumm und erbittert. Die Generalität der Kaiserlichen Garde hat ihren Bericht noch nicht überreicht.
OVERALL: Was noch?
LAUTSPRECHER: Das ist alles!
OVERALL: Gut! Hallo, Außenamt! Welche Stationen sind im Besitz der Aufrührer?
LAUTSPRECHER: 57-3-römisch VIII-120-römisch XXXII/1-1011/B.
OVERALL: Ist die Proklamation gedruckt?
LAUTSPRECHER: Gedruckt und versandt.
OVERALL: Ja!
DIE AUFSTÄNDIGEN: Die Lügen des Imperators haben ein Ende. So groß wie der Wahnsinn unserer Schuld, so furchtbar sind die Schmerzen, die wir zu erleiden haben. Das ewige Leben ist keine Erlösung und kein Geschenk. Kein Moment ist mehr schön und einzigartig, wenn er unendlich lang und unendlich oft wiederholbar ist. Warum sollen wir leben und lieben, wenn nichts mehr von Bedeutung ist? Warum sollen wir unsere Kinder aufwachsen sehen, wenn es keine Kindheit mehr gibt? Warum sollen wir auf irgendwas im Leben stolz sein, wenn wir nie vom Ende aus zurückblicken können? Wir werden nicht eher ruhen, bis wir das letzte Unkraut des Hasses und der Unversöhnlichkeit aus unseren Herzen ausgerottet haben.

Nr. XIV Szene von Harlekin und Trommler
HARLEKIN: Wir sind um einen Kreuzer Süßes zum Kaufmann getrabt, 
dem Zirkus nachzulaufen haben wir vorgehabt.
Wir sind zusammen Steckenpferd geritten,
wir fuhren auf unsrer neuen Schultasche Schlitten.
Wir haben unter den Blicken kleiner Mädchen gezittert,
wir haben das Unrecht der Welt mit reinem Gedanken zersplittert.

TROMMLER: „Wir Overall, wir Overall, die Welt ist voll, die Welt ist voll von unsern Taten. Wir werden sie, wir werden sie, auf Erden nie, auf Erden nie, aus Angst verraten. Klug ist gleich närrisch, weise ist gleich toll, wir Overall.“
HARLEKIN: Schlaf, Kindlein, schlaf:
Ich bin ein Epitaph.
Dein Vater ging im Krieg zugrund.
Dein’ Mutter fraß ihr roter Mund,
Schlaf, Kindlein, schlaf.
Spät, Kindlein, spät,
der Mann im Monde mäht.
Er mäht das Glück, er mäht es fort,
und kommt die Sonne, ist’s verdorrt.
Dann ziehst du’s rote Kleidchen an
und fängst das Lied von vorne an.

Nr. XV Wahnsinns-Terzett
OVERALL: Fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, hundert, tausend Bomben, eine Million Kanonen. Ich habe mich mit fensterlosen Mauern umgeben… Auch dieser Posten war im Kalkül! Wie sieht ein Mensch aus? Bin ich denn noch ein Mensch oder die Rechenmaschine Gottes? Bin ich denn noch ein Mensch oder die Rechenmaschine Gottes?
HARLEKIN: Nicht dran denken, nicht dran denken. Ha, ha, ha, ha, nicht dran denken. Hallo, hallo. Ja, er hat sich mit Mauern umgeben. Hallo, hallo! Wie sieht ein Mensch aus? Ja, wie sieht ein Mensch aus? Bin ich denn noch ein Mensch? Die Rechenmaschine Gottes? Bin ich ein Mensch? Ein Mensch?
TROMMLER: Ha, ha, ha, ha. Nicht dran denken, nicht dran denken. Ja, er hat sich mit fensterlosen Mauern, mit Mauern umgeben. Hallo, hallo! Wie sieht ein Mensch aus? Seit Jahren ist der Spiegel verhängt! Die Rechenmaschine Gottes? Bin ich ein Mensch? Bin ich ein Mensch?

OVERALL: Wer bist du?

Nr. XVI Arie des Todes
TOD: Ich bin der Tod, der Gärtner Tod,
und säe Schlaf in schmerzgepflügte Spuren.
Ich bin der Tod, der Gärtner Tod,
und jäte welkes Unkraut müder Kreaturen.
Ich bin der Tod, der Gärtner Tod,
und mähe reifes Korn des Leidens auf den Fluren.
Bin der, der von der Pest befreit,
und nicht die Pest.
Bin, der Erlösung bringt von Leid,
nicht, der euch leiden läßt.
Ich bin das wohlig warme Nest,
wohin das angstgehetzte Leben flieht.
Ich bin das größte Freiheitsfest.
Ich bin das letzte Schlummerlied.
Still ist und friedevoll mein gastlich Haus.
Kommt, ruhet aus!

Der Krieg ist aus.

Intermezzo „Ansprache des Harlekin“

Nr. XVII Des Kaisers Abschied

Version I
OVERALL: Von allem, was geschieht ist eines nur wovor der Götter Lächeln nicht besteht: der Abschied! Noch ist wie von ewig her, um uns die Stunde, noch ruht deine Hand in meiner und mein dunkles Leben fühlt durch sie das deine. Weine nicht um mich! Ich folge diesem fremden Jüngling nach, wohin nicht sag` ich Dir, wohin nicht sag´ ich Dir, doch leise ist in mir noch Hoffnung später Wiederkehr! Es werden Flüsse kommen und Gebirg wird um mich sein. Auf hohen Wiesen wird in Sonn` und hartem Wind die Blume blühn. Es fällt wo Du nicht bist der Schnee, es strömt, wo Du nicht bist, der Sommerregen aus. Wo Du nicht bist, ist viel. Wo Du nicht bist, ist viel. Und wie Du denkst: Jetzt tritt ein Kind zum Brunnen, steht vor einem Schmied ein Pferd und wird beschlagen, so gedenkt auch meiner ohne Klage, so gedenkt auch meiner ohne Klage, denn es ist das Ferne nicht beklagenswert, vielmehr das Nahe, das im ewigen Schatten ruht.

Version II
OVERALL: Der Krieg ist aus, das sagst du so mit Stolz. Nur dieser Krieg, nur dieser Krieg ist aus, der Letzte? Weiße Fahnen werden weh’n, und von den Türmen werden Glocken festlich läuten, und die Toren werden tanzen, singen, springen. Ach wie lange nur! Gedämpft ist nur das Feuer, nicht gelöscht! Bald flammt es wieder hoch, bald flammt es wieder hoch, von Neuem rast der Mord, und ich ersehnte Grabesruh. O wär’ mein Werk geglücket! Von dieser Fessel Mensch befreit, dehnt sich das Land mit ungemähten Feldern unter Sonn und Wind. Auf Städtetrümmern ruht der Schnee, in modrigen Ruinen spielen Hase und Reh. Ach, wären wir verdorrt! Ach, wären wir verdorrt! Die Wälder wachsen frei, die wir nur lähmen, keine wehrt dem Wasser seinen Weg zu strömen. Tod kommt wieder als Hunger, Liebe, Leben! Tod kommt wieder als Hunger, Liebe, Leben. Manchmal Wolken, manchmal Blitz, doch nie mehr Mord. In deiner Hand liegt unser Leben, nimm’s fort, nimm’s fort, nimm’s fort, nimm es fort.

Nr. XVIII Finale
BUBIKOPF, TROMMLER, SOLDAT, LAUTSPRECHER:
Komm Tod, du unser werter Gast,
in unsers Herzens Kammer.
Nimm von uns Lebensleid und Last,
führ uns zur Rast nach Schmerz und Jammer.
Lehr uns Lebens Lust und Not
in unsern Brüdern ehren,
lehr uns das heiligste Gebot:
Du sollst den großen Namen Tod nicht eitel beschwören!